Folge 7: Profile von Missbrauchstätern

Münchner Kirchenradio (MKR) / Sankt Michaelsbund veröffentlicht eine Zusammenfassung der siebten Folge des Podcasts:

Rein wissenschaftlich ist der sogenannte Diagnoseschlüssel klar, der Präventionsexperte und Psychotherapeut Pater Hans Zollner hat ihn auch sofort parat. Wer sich mindestens ein halbes Jahr lang sexuell zu Kindern hingezogen fühlt, bei dem wird eine pädophile Störung festgestellt. Dabei muss sich diese Neigung nicht in Taten im wirklichen Leben zeigen und kann trotzdem für potentielle Opfer gefährlich sein. „Viele Pädophile leben ihre Neigung im Internet aus, wo sie Bilder von sexueller Ausbeutung und Gewalt ansehen und verbreiten“. Damit würden sie auch einen gefährlichen und kriminellen Markt befeuern, so Pater Zollner in der neuen Podcast-Folge von Würde.Leben des katholischen Kinderschutzzentrums CCP (Centre for Child Protection) in Rom. Der Jesuit und sein Mitarbeiterstab beschäftigen sich auch mit Täterprofilen. Pädophilie kann von einer genetischen Disposition mitverursacht werden, die Störung kann aber auch durch selbst erlebten Missbrauch oder dem ständigen Ausgesetztsein von Bildern und Eindrücken gewalttätiger Sexualität zuhause oder entsprechendem Pornografie-Konsum entstehen. Dabei achten manche Betroffene, die von ihrer Neigung wissen, darauf, sie nicht auszuleben, vermeiden es bewusst, mit Kindern alleine zu sein. Pädophilen, die zu Tätern werden, geht es in der Regel nicht allein um die Befriedigung ihrer Triebwünsche: „Sexualität ist immer mehr als nur Geschlechtsverkehr, da kommt der ganze Mensch ins Spiel“, so Pater Zollner. Beim sexuellen Missbrauch gehe es auch um eine Machtdemonstration, die Herrschaft über einem Schwächeren. „Die tiefste Wunde hat den Betroffenen meistens geschlagen, dass sie der Macht eines anderen völlig hilflos ausgeliefert waren.“ Das günstigste Umfeld finden Missbrauchstäter dort, „wo persönliche Autorität oder Rollenautorität verhindert, dass die Umgebung die Ohren und Augen aufmacht und Signale von möglichen Opfern wahrnimmt“. Insbesondere Priester konnten sich in der Vergangenheit oft sicher fühlen, weil sie unantastbar waren und ihre Vorgesetzten selbst bei eindeutigen Hinweisen abwiegelten, erklärt P. Zollner: „Die Bestrafung sah dann so aus, dass Täter ermahnt, versetzt oder auf Exerzitien geschickt wurden, anstatt sie mit einem ordnungsgemäßen staatlichen und kirchlichen Gerichtsverfahren zu verfolgen.“ Dabei müssten sogenannte kernpädophile Personen ständig kontrolliert und begleitet werden: „Anders als noch vor 20 Jahren geht die Psychiatrie davon aus, dass sie nicht vollständig und dauerhaft therapierbar sind.“ Bei weniger tiefen Störungen hängt ein Behandlungserfolg von dem Grad der Einsicht ab, „einen Menschen zutiefst verletzt zu haben und von der Motivation, so etwas nie wieder tun zu wollen“. Wenn Täter sich selbst hingegen als Opfer oder Verführte sehen, sei therapeutisch kaum an sie heranzukommen. Oft bleibe dann nur übrig, diese Menschen dauerhaft wegzusperren, ihnen den Kontakt mit Minderjährigen zu verbieten und Internetzugänge zu unterbinden. „Hinzu kommt die Verpflichtung, den eigenen Tagesablauf zu dokumentieren und wöchentlich gegenüber einen bei einem Supervisor oder Therapeuten Rechenschaft darüber abzulegen.“ In den USA existieren vereinzelt solche „kirchlichen Gefängnisse“ für straffällige Missbrauchstäter aus dem Klerus. Sie werden von einer Ordensgemeinschaft geleitet. „Das ist aufwändig, aber eine Aufgabe von Kirche und Gesellschaft, um neue Taten zu verhindern.“ Ohne eine solche Begleitung gehen Studien von einer Rückfallquote von 50 Prozent bei Kernpädophilen aus: „Sorge für die Täter ist auch ein Mittel der Prävention.“

In der neuen Podcastfolge von Würde.Leben warnt P. Zollner vor einem leichtfertigen Verzeihen von Missbrauchsverbrechen. Die Betroffenen hätten einen Anspruch auf Gerechtigkeit. „In der Kirche herrscht oft die Auffassung, dass Täter nur bereuen müssten und dann Schwamm drüber.“ Da gelte es die eigene Bußpraxis ernst zu nehmend, die ehrliche und tiefe Reue, ein klares Sündenbekenntnis und eine angemessene Wiedergutmachung verlangt, die der Schwere der begangenen Sünde entspricht.  „Manchmal habe ich den Eindruck, beim Missbrauch vergessen wir als Kirche diesen Dreischritt, der in der Beichte jedem Katholiken vorgeschrieben ist.“ Hoffnung gibt dem Ordenspriester, dass „immer mehr Bischöfe und Gläubige für das Missbrauchsproblem und das damit verbundene Leid sensibel sind, aktiv werden und sich für die Anliegen der Betroffenen einsetzen.“